Mark fliegt alleine!

Pilot zu werden war schon immer ein Traum von mir. Der Weg dorthin ist nichts, was man leichtfertig angeht. Gerade im Segelflug lernt man schnell, wie wichtig Konzentration, Präzision und Respekt vor der Situation sind. Besonders vor einem Strömungsabriss, einer Startunterbrechung oder einer harten Landung hatte ich großen Respekt. Doch genau dafür trainiert man immer und immer wieder, bis alles sitzt.

Mit 43 Jahren, zwei Jahre nach dem Beginn meiner Ausbildung, war es dann endlich so weit: Mein erster Alleinflug stand bevor.

Am 23. Mai war das Wetter ruhig. Es war bewölkt und nahezu windstill. Gute Bedingungen für einen ersten Solo-Flug. Geflogen bin ich unseren Bocian, ein doppelsitziges Schulungssegelflugzeug aus Polen. In diesem gutmütigen Oldtimer hatte ich zuvor schon viele Ausbildungsflüge gemacht.

Vor dem entscheidenden Moment machten unsere beiden Fluglehrer jeweils noch einen Überprüfungsflug mit mir in denen sie still hinter mir saßen und ich alles korrekt alleine machen musste. Danach kam die Ansage: Jetzt musst du drei Flüge alleine machen. Hinten wurden darauf die Gurte befestigt, der Fallschirm des Lehrers aus dem Flugzeug genommen und alles vorbereitet.

Letzte Vorbereitungen und Anweisungen von unseren Fluglehrern Karl und Andreas

Natürlich war ich nervös. Aber gleichzeitig überwog die Vorfreude. Als die Fluglehrer ausgestiegen waren und ich plötzlich alleine im Cockpit saß, wurde mir bewusst, dass jetzt alles in meiner Verantwortung lag. Genau auf diesen Moment hatte ich lange hingearbeitet. Jetzt hieß es konzentrieren! Startcheck abarbeiten und hoffentlich nichts vergessen. Ein letzter Blick zu den anderen beim Startplatz und auf den Windsack, dann gab ich das Signal zum Anziehen des Windenseils. Zuerst zieht der Windenfahrer am anderen Ende des Platzes das Seil ganz langsam an und dann geht alles ganz schnell. Ich werde in den Sitz gepresst und nach wenigen Sekunden erreiche ich 100 km/h und kann langsam hochziehen. 

Der Start verlief ruhig. Während des Schlepps ging ich die Abläufe immer wieder im Kopf durch. Besonders die Landung hatte ich ständig im Fokus. Ich wollte sauber fliegen, keine Fehler machen und ruhig bleiben. Zur Seite geschaut achtete ich auf die Flügelspitze und den Horizont um waagerecht zu bleiben. Der Fahrtwind rauscht laut und ich muss kräftig am Knüppel ziehen.

Dann kam der Moment des Ausklinkens, peng! Mit einem Ruck klinkt das Seil aus und ich drücke nach. Ein kurzes Gefühl der Schwerelosigkeit bis die Fluggeschwindigkeit in etwa passt. Ein paar Mal Seil nachklinken zur Sicherheit und nun die Trimmung einstellen. Plötzlich fühlte sich das Flugzeug ganz anders an. Ohne Fluglehrer war der Bocian deutlich leichter und wendiger. Der sonst gewohnte Steuerdruck war fast verschwunden. Dadurch musste ich häufiger die Trimmung nachstellen, um nicht ungewollt zu langsam zu werden. Genau diese Veränderung machte mir deutlich, dass ich jetzt wirklich alleine flog.

Dann gleich in die erste Kurve und in Richtung Werft wieder ausrichten. Plötzlich war die Anspannung des Startes weg und ich konnte den Ausblick über Stralsund und die Umgebung richtig genießen. Trotz aller Konzentration war es ein besonderer Moment, alleine fast lautlos über der Landschaft zu gleiten.

Die Platzrunde verlief insgesamt sehr gut, doch der tolle Ausblick musste nun wieder der Konzentration weichen: Landecheck, alles frei da unten? Hab ich die richtige Geschwindigkeit? Ohne Gegenwind (eine Seltenheit hier an der Küste) muss ich ein wenig weiter rausfliegen um nicht zu weit zu kommen, dabei aber unbedingt auf die Höhe bei den letzten zwei Kurven achten und bloß nicht zu langsam werden! Die Felder kommen näher und die Bäume und Autos werden auch schon größer. Letzte Kurve, nicht schieben und hoffentlich genau in Richtung Landepunkt wieder rauskommen. Dann Klappen raus und Höhe abbauen, dann rechtzeitig aber nicht zu früh abfangen…

Der Landeanflug wird genau beobachtet

Die Landung war sanft und kontrolliert, genau so wie man es sich wünscht. Als das Flugzeug ausrollte und langsamer wurde, fiel die Anspannung langsam ab. Ich hatte meinen ersten Alleinflug geschafft!

Am Boden wurde mir sofort gratuliert. Das Flugzeug wurde wieder an den Start geschleppt und es folgten weitere zwei Flüge in ähnlicher Manier, doch waren diese schon wesentlich entspannter.

Für mich war dieser Tag ein großer persönlicher Schritt. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich wie ein Pilot. Der erste Alleinflug ist nicht einfach nur ein weiterer Ausbildungsabschnitt. Er ist der Moment, in dem Vertrauen in das eigene Können entsteht.

Und genau deshalb werde ich diesen Flug wahrscheinlich niemals vergessen.